Fallbeispiele aus dem Gesundheitswesen

Die Grundproblematik    

Man braucht nicht Arzt zu sein, um zu wissen, dass eine Komplikation im Zusammenhang mit einer ärztlichen Behandlung nicht zwangsläufig einem Fehler gleichzusetzen ist. Daneben müsste jedem Patienten klar sein, dass auch Mediziner Fehler machen - was nicht verwundert angesichts wachsender Arbeitsbelastungen in fast jeder ärztlichen Disziplin.  

Aber, bedingt durch verschiedene Wirkmechanismen und Faktoren ist das Vertrauen der Bevölkerung in die Institutionen des Gesundheitswesens gesunken. Hier versuchen wir, mittels interdisziplinärer Mediation ein komplementäres Instrument zu Gutachterkommission/Schlichtungsstelle, Anwalt oder gar zum Staatsanwalt zu bieten,  m.a.W., wir versuchen, Behandlungsfehlervorwürfe, seien sie berechtigt oder nicht, aus der Öffentlichkeit, resp. aus öffentlichen Gerichtssälen herauszuhalten.

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Die Hintergründe

Die Konflikte im Gesundheitswesen haben aufgrund der (wenn auch legitimierten) Verletzung der körperlichen Integrität des Patienten zumeist eine hohe emotionale Komponente, weswegen die Mediation speziell unter diesem Aspekt als (einziges) Konfliktlösungssystem einen zufriedenstellende Ausgang bieten kann, den gemeinsamen Konsens.

Dennoch spielen auch und gerade i.B. der angewandten Medizin mehr denn je Formalismen, Verrechtlichung und Standardisierung i.S. von z.B. QM-Maßnahmen einen wesentliche Rolle. Auch diese Sachebene eines Konfliktes darf bei der Lösungsfindung nicht unberücksichtig bleiben darf,  ansonsten ein Konsens kaum Bestand hätte.

 

 


Fälle, die Wellen hätten schlagen können

 

- Zu langes Bein nach Hüft OP nicht bemerkt

- Pneu bei Akkupunktur gestochen

- Senkniere bei Colonresektion entfernt ohne Absprache

- Thrombocytensturz durch Grippeschutzimpfung

- Oberkiefer perforiert beim Abtragen von Schleimhaut

- Auge intraoperativ verätzt aufgrund unsachgemäßer Spülung

 

Sechs beispielhafte erst Überschriften,

sechs von 230 Fällen, die in 2014 an uns herangetragen wurden.

Aber wo liegt jeweils die Wahrheit?

 


Das lange Bein 

Der Chefarzt einer orthopädischen Klinik sieht sich zunächst der einfachen Nachfrage einer kritischen, aber differenzierten Patientin ausgesetzt, wieso nach einer minimal-invasiven OP am Hüftgelenk (CAM) das operierte Bein mehrere cm länger sei, "ihr nicht gehöre", und demzufolge normales Laufen nur mit zwei Unterarmgehstützen möglich sei, wogegen sie vor der OP zwar mit Schmerzen, aber ohne Probleme habe joggen können.

Der Mediziner wiegelt ab, das könne nicht sein, betrachtet im Übrigen den Ton der Patientin als unangemessen und setzt sie vor die Tür.

Es kommt, was kommen muss: die Patientin konsultiert einen Medizinrechtsanwalt und mehrere orthopädische Ärzte zwecks Zweitmeinung und wendet sich schließlich an die Gutachterkommission der Ärztekammer mit der Frage, ob ein Behandlungsfehler vorliege. Inzwischen wissen mindestens zehn orthopädische und radiologische Kollegen des Operateurs von dem Ereignis, dazu eine geraume Anzahl an Bekannten der Patientin, auch der Kostenträger und diverse Physiotherapeuten.

Der vorläufige Beschluss der Gutachterkommission ist eindeutig und beschreibt zwei Behandlungsfehler.

Der beschuldigte Chef-Orthopäde ficht das interne Gutachten der Kommission an und der Anwalt der Patientin lässt verlauten, egal wie das endgültige Gutachten der Gutachterkommission ausfallen werde, sei ein Gang in einen öffentlichen Gerichtssaal unvermeidbar, um die Höhe der Schadensersatzforderung überprüfen zu lassen.

Finanzieller Schaden aber auch Imageschaden für Operateur, das Krankenhaus und die beteiligten Versicherungen hätten reduziert werden können, wäre von Seiten des Krankenhauses eine Mediation eingeleitet worden, wären Ethikkonsultationen erfolgt oder ein effizientes Patientenbeschwerdemanagement installiert gewesen.